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Thanks, Cloud! Digitalisierung und Arbeitslosigkeit

von Juliane Waack

18.02.2016 08:08:38

arbeitslos_niekverlaan_PixabayErst ging es darum, was die Digitalisierung bringt, dann scheuchte man jeden auf, der noch nicht die Digitalisierung plante. Nun sind wir bei einer nicht minder interessanten Frage angekommen: was kostet die Digitalisierung?

Im Oktober 2014 schrieb Redakteurin Stefanie Maier auf unserem Blog: „die Unterstützung der Unternehmensprozesse durch die Cloud führt so zu mehr Produktivität und damit zu mehr Geschäft– was in der Folge zusätzliche Arbeitsplätze schafft.“ In der Blogreihe zu Cloud-Vorurteilen beschäftigten wir uns neben Datenschutz und Servicefragen auch mit dem Thema der Arbeitsplätze. Damals ging es eher noch darum, inwieweit einfachere Arbeitsabläufe sowie das Outsourcing von Serviceleistungen der Software und Infrastruktur insbesondere der IT-Abteilung die Butter vom Brot nehmen könnte.

Mittlerweile sind die Debatten ein wenig breiter gefasst und zwar so breit, dass beispielsweise Dr. Helmut Schmidt auf seinem Blog „Netzökonom“ Studien zitiert, nach denen bis zu fünf Millionen Arbeitsplätze verschwinden könnten, wenn sich die Digitalisierung so weiter entwickelt, wie sie es gerade tut. 

Wie entsteht der vermeintliche Arbeitsverlust?

Die Digitalisierung sowie die Industrie 4.0 ermöglichen ein nicht unerhebliches Maß an Automatisierung. In der Berliner Bibliothekszweigstelle in Friedrichshain gibt es seit einigen Jahren beispielsweise Automaten, mit denen man Bücher sowohl ein- als auch auschecken kann. Das Personal ist derweil für administrative Tätigkeiten sowie die Sortierung von Büchern, Bestandsaufnahmen, etc. zuständig. Man kann davon ausgehen, dass durch diese Maßnahme auch ein paar Arbeitsstellen eingespart wurden.

Ähnlich sieht es scheinbar überall aus, wo Service-Prozesse „optimiert“ werden. Das macht mal mehr, mal weniger Sinn, greift jedoch fast überall um sich, McKinsey sei dank.

Digitaler Service für alle

Erst vor einigen Wochen hatte ich mit einigen Kollegen ein Gespräch beim Mittagstisch. Mein Kollege erklärte, dass er eine rein digitale Bestellung – via zur Verfügung gestellten Tablets oder Smartphones – dem normalen Service vorziehen würde. Ich entgegnete, dass es sich für Menschen mit Lebensmittelallergien oder Extrawünschen sicher umständlicher gestalten würde und dass es sowieso eher nervend ist, wenn man sich bequem zum Essen hinsetzen will, um dann jeder für sich mit einem Endgerät beschäftigt zu sein. Vielleicht bin ich dahingehend ein wenig altmodisch, aber die Servicebranche zeichnet sich für mich immer noch durch Service aus – kann dieser nicht durch den Gebrauch von Maschinen optimiert werden, würde ich als Kunde ein anderes Geschäft aufsuchen.

Doch nicht nur in unserem Alltag hinterlässt die Digitalisierung (vornehmlich durch Auslassung der menschlichen Komponente) ihre Spuren. Insbesondere im industriellen Gebrauch werden zahlreiche Jobs in einigen Jahren als überflüssig vermutet. Was heute noch Arbeiter an Maschinen und Fließbändern verrichten, werden bald Maschinen erledigen, während es einige wenige menschliche Aufseher gibt, die das Ganze kontrollieren, so die Zukunftsvisionen.

Das gab es – wie etwa Wirtschaftshistoriker Klemens Skibicki noch wenig pessimistisch gegenüber rp-online erklärt – so ähnlich bereits in der industriellen Revolution. Auch da gab es massenhafte Arbeitslosigkeit, vor allem jedoch Lohngefälle, die für Hunger und Armut sorgten. Wenn der Arbeiter nicht mehr viel wert ist, weil er leichter ersetzbar ist (unter anderem durch Maschinen), sinkt auch sein Verkaufswert, wie Ökonom Jeffrey Sachs bereits 2015 deklarierte (Quelle: Zeit Online). 

Gerade in der Berichterstattung ergibt sich dadurch eine Diskrepanz, denn diejenigen, die besonders davon betroffen sein werden, werden nicht nur Service-Angestellte sein, sondern auch und vor allem Arbeitskräfte mit eher wenigen Qualifikationen.

Da wirkt es nahezu zynisch, wenn die „Experten“ empfehlen, man solle sich weiterbilden und anpassen – das gilt für den privilegierten Mittelstand sowie Service-Angestellte, die sich anderswo eine Nische suchen können (etwa in der Beratung), aber nicht für Fabrikarbeiter, Putzkräfte und andere vorwiegend physische Arbeitskräfte, die sich schlecht von heute auf morgen umschulen lassen können, geschweige denn von ihren Arbeitgebern durch Weiterbildungen in der Neuorientierung unterstützt werden.

Werden hier die alten Arbeitskräfte neu ausgebildet und in Stellen engagiert, wo sie mehr Verantwortung und auch mehr Lohn erhalten? Man kann wohl eher davon ausgehen, dass dann lieber neue, junge „Talente“ erworben werden, die sowieso schon die richtige Ausbildung haben. Hier lohnt das Schönreden nichts, wenn es keine Weiterbildungsprogramme gibt, dann werden wir bald noch mehr gering qualifizierte Arbeitslose haben, die sich schwer vermitteln lassen.

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird

Die gute Nachricht ist eher eine Lektion, die ich bereits nach knapp anderthalb Jahren im digitalen Bereich gelernt habe: die technologische Entwicklung ist schneller als ihre Umsetzung. Cloud Computing ist bereits seit Jahren ein Trend, hat sich jedoch in der Umsetzung bei weitem nicht überall durchgesetzt und wird sicher auch noch einige Jahre brauchen, um es zu tun.

Der Grund, warum aktuell so viel über die potenzielle Arbeitslosigkeit aufgrund der Digitalisierung gesprochen wird, ist die Tatsache, dass sich die ersten Branchen bereits in diese Richtung entwickeln und Medien, Wissenschaftler – und hoffentlich auch Politiker – sich Gedanken machen müssen ob die Prognosen realistisch sind und wie man eine Gesellschaft gestalten kann, in der die Menschen lebensfähig sind, obwohl sie nicht mehr so viel arbeiten (können).

Tatsächlich wird es aber noch dauern, bis diese fünf Millionen Arbeitsstellen fehlen. Es ist noch abzusehen, ob die smarten Maschinen tatsächlich so smart sind, dass sie so eingesetzt werden können, dass sie sicher und zuverlässig arbeiten (hier lohnt sich auch ein Blick auf sehr wohl philosophische Fragen, wer verantwortlich ist, wenn ein Roboter aus Versehen einen Menschen verletzt). Die zahlreichen prognostizierten arbeitslosen Fahrer etwa, die angeblich all den selbstfahrenden Autos zum Opfer fallen sollen, können erst einmal abwarten, ob sich selbstfahrende Autos im Verkehr nicht doch als Sicherheitsrisiko herausstellen und einen Beifahrer benötigen.

Wen das Alles noch nicht beruhigt, der sollte sich ein wenig in die Thematik des bedingungslosen Grundeinkommens einlesen, das mittlerweile nicht nur von linken Politikern, sondern auch Wirtschaftsbossen und –Experten empfohlen wird und aktuell in Finnland in seinem ersten Pilotprojekt steckt (auch die Schweiz will dieses Jahr darüber abstimmen).

Keine Panik, keine Scheuklappen

Wir dürfen die Augen nicht vor den Folgen der Digitalisierung und neuer Geschäftsmodelle verschließen. Es hat Gründe, dass Banken aktuell kämpfen müssen, weil es digitale Unternehmen gibt (Pay Pal, Apple Pay), die den traditionellen Unternehmen die Kunden unter der Nase wegschnappen. Ebenso gehen Geschäftszweige durch die vermehrte Online-Nutzung von Kunden verloren bzw. neue Wege. Es ist in vielen (aber sicher nicht allen) Bereichen ein Umdenken gefordert, wie man mit den veränderten Anforderungen von Kunden und dem Markt umgeht. Die ständige Selbstoptimierung und 100%ige Digitalisierung ist dabei übrigens nicht immer der Erfolgs-Garant. Es hat seine Gründe, warum Amazon – einst das Flaggschiff für digitalen Bücherhandel – in diesem Jahr seine ersten physischen Buchläden aufgemacht hat.

Die eine Lösung gibt es nicht, daher muss man sich wohl oder übel nach mehreren Seiten umsehen, nach Weiterbildungsmaßnahmen Ausschau halten, Trends verfolgen, aber nicht blind folgen, neue Geschäftsfelder aufmachen und vor allem auf die Kunden- und Mitarbeiterbedürfnisse achten und schon jetzt überlegen, welche gesellschaftlich-politischen Alternativen es zur aktuellen, sehr arbeitswütigen Gesellschaft es gibt. Und wer sich jetzt denkt, dass das ganz schön viel auf einmal ist – neu ist der Wandel der Gesellschaft (zum Glück) nicht, nur kann man sich jetzt auch auf Twitter darüber beschweren.

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