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Die Deutsche Cloud: wo ist denn der Cloud-Journalismus?

von Juliane Waack

14.07.2015 08:18:58

cloudschreibenDigitales, Datenschutz, Robotics und IT – das sind alles Themen, die Spezialisten in der Journalisten- und Blogger-Szene haben. Doch wenn es um Cloud Computing geht, lichtet sich das Feld plötzlich – doch woran liegt es?

I Wandered Lonely as a Cloud (ich wanderte einsam wie eine Wolke)

                                     (William Wordsworth)

Tatsächlich fällt es auf, dass sich die großen Cloud-Experten eher selten auf unabhängigen Medien zu Wort melden. Meistens sind es dann auch noch Experten aus Cloud-Unternehmen, die zwar sehr wohl fundiert über Themen wie Implementierung, Datenschutz und Cloud-Vorteile schreiben, jedoch immer auch eine kleine Agenda (sprich: den Verkauf ihres Produktes) mit sich bringen. Kommentiert wird kaum und in den kritischen Diskurs geht selten jemand.

Das ist auf den ersten Blick ganz angenehm, immerhin muss man nicht mit aggressiven Besserwisser-Kommentaren auf seinen Artikeln rechnen, andererseits ergibt sich dadurch ein merkwürdig farbloses und irgendwie redundantes Beitragsspektrum, in dem Studien, Trends und Neuigkeiten hingenommen werden, ohne sie kritisch zu analysieren. Die Berichterstattung wird demnach entweder von Pro-Cloud-Vertretern aus der Industrie oder voreingenommenen Journalisten (Ausnahmen bestätigen die Regel) mit den typischen Angst-Artikeln über NSA- und Hacker-Angriffen dominiert. Die goldene Mitte findet man, aber nur, wenn man danach sucht. Doch wenn man sich die Digital- und IT-Spitzen wie Sascha Lobo oder Patrick Beuth und Datenschutz-Gruppierungen wie die Netzpiloten und Netzpolitik so ansieht, kann man schon etwas neidisch werden – warum hat die Cloud so etwas noch nicht? Warum sind unsere Experten (u.A. Michael Kroker, Rene Büst und auch Dr. Wolfgang Martin) scheinbare Einzelkämpfer, die eher selten in den Diskurs (auch miteinander) gehen?

Fehlt die Themen-Vielfalt in der Cloud?

Als ich im Juli 2014 in der Redaktion von cloud world angefangen habe, fiel es mir noch schwer, Themen einzuordnen und zu finden, mittlerweile rolle ich mit den Augen, wenn mir Bekannte und Kollegen Artikel schicken mit dem Hinweis „vielleicht kannst Du darüber ja mal was schreiben.“ Industrie 4.0, Unternehmensprozesse, Marketing-Strategien, Automatisierung, Datenschutz, Digitalisierung, das Internet der Dinge, Wearables, Apps und, und und – die Themen-Welt der Cloud könnte nicht eklektischer sein. Probleme mit der Themenfindung habe ich nicht, höchstens mit der Priorisierung und den sich stapelnden Studien, Themen und Beiträgen, die es noch zu erarbeiten gibt. 

Vielleicht ist aber auch gerade das der Punkt, warum sich noch keine dedizierte Journalisten-Szene um das Thema herumgruppiert hat. Auch zu Beginn des #Neuland-Themas Internet musste es erst Computer- und IT-Journalisten geben, die mal mehr mal weniger über diese neue Welt berichteten, um sich nach und nach vollkommen darauf zu spezialisieren. Wenn es so viele Bereiche gibt, in denen die neue Technologie greift, dann müssen sich auch da erst einmal Experten herauskristallisieren. 

Wen interessiert schon die unsichtbare Cloud?

Die Cloud steckt zwar lange nicht mehr in ihren Kinderschuhen, doch wenn es um die gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz geht, dann ist sie sehr wohl noch ein Mauerblümchen. Es gibt immer noch zahlreiche Menschen – leider auch im IT-Bereich – die denken, sie wären nicht in der Cloud, während sie auf ihrem Smartphone ein Video streamen.

Gleichzeitig hat die Cloud es soweit in die Popkultur geschafft, dass die Datenspeicherung in der mysteriösen „Wolke“ sowie die Annahme: „das ist in der Cloud, das kann man niemals löschen“ sich auch schon in Krimiserien, Komödien und Sketch-Shows eingefunden haben.

Die Technik dahinter bleibt jedoch weiterhin verborgen, denn im Gegensatz zum Modem, umständlichen WLAN-Kabel und enervierenden Einwahl-Prozessen musste niemand sichtbare Technik und manuelle Hürden über sich ergehen lassen, um diese neue (aber nicht wirklich neue, siehe hier) Technologie zu nutzen. Auf einmal kann man Online streamen, ohne sich zuhause eine Kiste hinzustellen, deren Einwahl-Ton wie ein bremsender Güterzug klingt. Auf einmal kann man hunderte Fotos und Videos auf seinem Handy aufnehmen, ohne, dass man ein unschönes grau-weißes Kabel mit sich herumschleppen muss. Die Cloud-Technologie hat derartig unsichtbar Einzug in unser Leben genommen, dass sie dadurch selbst ein wenig unsichtbar geblieben ist.

Wer über das Thema schreibt, muss daher nach Aufhängern suchen, die mehr als nur „Cloud“ beinhalten und greifbarer sind. Leider sind das aktuell neben einzelnen Industrie-Nachrichten und Software-Highlights vorwiegend Datenschutz-Themen, die etwa die Gefahren der Cloud hervorheben.

25.11.2011 – Zeit: Cloud Computing: Forscher entdecken Sicherheitslücke bei Amazon

16.1.2013 – Süddeutsche: Überall, aber meist unverschlüsselt

1.9.2014 – FAZ: Wie sicher sind meine Fotos in der Cloud?

6.3.2015 – Süddeutsche: Cloud Computing setzt sich trotz Sicherheitsbedenken langsam durch

7.7.2015 – Spiegel: Gehackte Cloud-Dienste: Angriffsziel Wolke

Natürlich ist das nur eine kleine Beitragsauswahl und alle genannten Formate haben auch berichtende Artikel über allgemeine Industrie- und Nutzer-Themen geschrieben, doch es ist schon auffällig, dass – mit Ausnahme der Wirtschaftsteile – die meisten populären Medien eher die Sicherheitsrisiken als die Chancen und Möglichkeiten der Cloud vorstellen.

Was ist die Cloud? Der Teufel steckt im (fehlenden) Detailwissen

Die Cloud, das ist eigentlich der Service, die handfertige Virtualisierung von Infrastrukturen und Software, und damit die nutzerfreundliche Verpackung eines eigentlich komplizierten Prozesses, in dem irgendwo ein Client steckt, der die Hardware vom Nutzer abkoppelt, so dass er Software, Computerspeicher und Entwicklungsplattformen nutzen kann, ohne diese auf seinem eigenen Rechner beherbergen zu müssen. 

(Mehr Infos zu den Grundlagen der Cloud können Sie übrigens in unserem kostenlosen Cloud-ABC mit anschaulichen Beispielen nachlesen)

Dem Nutzer ist das ziemlich egal und deshalb wird auch nicht über die Cloud berichtet, sondern über Apps, kostenlose Speicher und webbasierte Software. Selbst auf Google Adwords erfahren meine Kollegen und ich regelmäßig, dass sich „webbasiert“, „Online Software“ und „App“ besser vermarkten lässt, da die "Cloud" eher selten direkt gesucht wird, wenn es um die Produkte geht, die eigentlich nur mit ihr funktionieren. 

Lohnt es sich überhaupt, Cloud-Blogger zu sein?

Die Cloud ist – ähnlich wie das Internet – ein Werkzeug bzw. eine Grundlage, um Anwendungen einfacher, schneller und kompakter zugänglich zu machen. Irgendwann einmal wird sie – ähnlich wie das Internet – so sehr mit dem Begriff „Computer“ synonym sein, dass das Wort „Cloud Computing“ geradezu redundant wirkt. Bis dahin scheint es mir jedoch gut und wichtig, sich als Cloud-Schreiberling zu positionieren, denn Panikmache nach Hacking-Skandalen und das wütende Fäusteschütteln ob der unsicheren Cloud sorgen für Misstrauen, wo Aufklärung sinnvoller wäre.

Gleichzeitig wird besonders Unternehmen Druck gemacht, sich fit für die Zukunft zu machen und im Rahmen der Industrie 4.0 schnell auf digitale Prozesse und cloudbasierte Anwendungen zu setzen.

Wenn hier nicht kritisch, neutral und aufklärend berichtet wird, warum das eine (Datenschutz) sehr wohl mit dem anderen (Wettbewerbsvorteile) vereinbar ist, dann wird der aktuelle Zustand, in dem Privatpersonen als auch Industrie leben, sich nur verfestigen und dieser Zustand ist eine Zerreissprobe, die dazu führt, dass man sich entweder überwirft oder komplett verweigert: 

Jeder steht der Cloud kritisch gegenüber, es werden trotzdem Cloud-Anwendungen genutzt, weil sie Wettbewerbsvorteile mit sich bringen, es werden jedoch mangels Aufklärung keine adäquaten Sicherheitsmaßnehmen vorgenommen.

Sprich, der Anwender traut der Cloud nicht, nutzt sie aber, weil er keine andere Alternative sieht und fühlt sich zeitgleich nicht genug informiert, um sie sicher zu nutzen. Das ist nahezu grotesk und ist nicht zuletzt deshalb frustrierend, da die Anwender durch so ein Verhalten auch nicht die Cloud-Anwendungen fördern, die ihnen eine sichere Nutzung erleichtern.

 Mehr Aufklärung für bessere Grundlagen

Erst kürzlich schrieb das Unternehmermagazin „Creditreform“, dass der Mittelstand die Verschlüsselung (bei der Daten für Außenstehende unleserlich gemacht werden) nicht konsequent genug nutzt. Es fehle den Anwendern an "Compliance-Regeln und klaren Anweisungen“, schrieb Ingo Schenk, was sich durch die Verbreitung von Schatten-IT (unkontrollierte Software-Nutzung im Unternehmen) und der nur langsamen Entwicklung konkreter Sicherheits-Strategien für die Nutzung von Mobilgeräten auf Arbeit nur bestätigt.

Doch eigentlich sollten nicht die Anwender die Verantwortung übernehmen müssen, die Software, die sie bezahlt haben (bzw. im Cloud-üblichen Abo weiter bezahlen), auch abzusichern. Aktuell befinden wir uns in einer Situation, in der Unternehmen komplexe Strategien entwickeln müssen, um sich in der Cloud zu positionieren – auf Anraten der Politik und der Industrie hätten sie das schon gestern tun sollen – gleichzeitig gibt es von der Politik und von der Industrie kaum übersichtliche Richtlinien, Standards und Förderungen, um das zu tun. 

Man stelle sich einen Autobesitzer vor, der genötigt wird, den Bremstest selbst vorzunehmen, da er sonst gerichtlich belangt werden kann, wenn ihm beim Unfall die Bremsen versagen. Das klingt nicht nur nach einem Fall für den Verbraucherschutz, das lenkt auch enormen Druck und Aufwand vom Anbieter auf den Kunden. Denn während der Anbieter die Kompetenzen hat, eben diese Sicherheitsvorkehrungen zu installieren und zu prüfen, ist es für den Anbieter ein weiteres Fachgebiet, das Zeit und Geld erfordert. 

Cloud-Berichterstattung klärt auf

Ein guter Cloud-Journalismus kann hier nicht nur die Rolle des vertrauensvollen Informanten einnehmen, sondern auch die Vermittlerrolle, der die Industrie und Politik zu mehr Eigeninitiative auffordert, um es den Anwendern leichter zu machen, sich mit der Digitalisierung zurecht zu finden – ohne leere Versprechen und ohne NSA-Panik.

Zeitgleich kann ein aktives Netzwerk aus neutralen Bloggern und Journalisten, Industrie-Vertretern und Politikern dafür sorgen, dass die wirklichen Anforderungen der Nutzer und die Möglichkeiten der Technik zu konkreten Standards und Richtlinien zusammengetragen werden können. So und nicht anders hat es beispielsweise auch eine im Rückblick erstaunliche Kehrtwendung in der Lebensmittelindustrie gegeben, Nahrungsmittel zu kennzeichnen, Bio- und Veggie-Alternativen zu offerieren und den Kunden durch mehr Information mündiger in seiner Auswahl zu machen.

Natürlich hinkt der Vergleich zwischen einer CRM-Software und einem Bio-Pesto ein wenig, doch am Ende geht es doch darum, dass sich die eher wilde Innovation (die selten auf Compliance-Regelungen achtet) durch die Markt-Anforderungen regulieren lässt und so nutzerfreundlicher und dementsprechend auch attraktiver für die Anwender wird. Und das kann durch eine Berichterstattung, die der neuen Technologie wohlwollend nichtsdestotrotz kritisch gegenübersteht, unterstützt werden.

Wer macht mit?

Was sagen Sie zum Cloud-Journalismus in Deutschland? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren. 

Dieser Beitrag macht übrigens mit bei der Blogparade "Leben in der Cloud". Wer uns etwas Gutes tun will, oder diesen Beitrag einfach gut fand, der kann hier sein Google+-Like geben. 

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